Home Philosophy 5

Simon Trüb, Home Philosophy 5

Illustration: Simon Trüb

 

Im Faltenwurf des Zufalls

Das Kind kommt mit zweiundzwanzig Falten auf die Welt. Es muss sie nur noch entfalten. Dann ist das Leben des Menschen vollkommen.
Henri Michaux

Ursprünglich waren die Menschen, so kann man in Platos berühmtem Dialog „Symposion“ nachlesen, runde und rundum glückliche Kugelmenschen. Als Doppelwesen rollten sie mit vier Armen und vier Beinen durch die Welt, glücklich gepaart als mann-männliche, frau-weibliche oder androgyne Kugeln – unsterblich und unsterblich verliebt.

Da die Götter des Olymps eifersüchtig auf das Glück dieser Urmenschen wurden, teilten sie sie entzwei und falteten die Haut über den Wunden der Halbkugeln in der Mitte des Bauches zu einem Knoten zusammen; der Bauchnabel sollte sie als Strafe an ihre Sterblichkeit erinnern und an den Riss in ihrem Glück. 
Seither irren wir getrennt durch das Leben, jeder auf der Suche nach seiner verlorenen Hälfte. Wenigen nur ist es vergönnt, von liebender Sehnsucht getrieben diesen Urpartner wiederzufinden und abermals vollends glücklich zu werden. 

Der Mensch im „Zwiefalt“ 

Doch auch dann wird uns das Altern der Haut und die Faltung des Nabels daran erinnern, dass das uranfängliche Glück seit der Strafe durch die Götter des Olymps nie mehr ganz wiederzufinden ist – wir sind mit dem Tod tätowiert. 
Das würden wir gerne verdrängen: Heute tendieren die Autos zur glatten Stromlinien- oder Tropfenform, das Leben wird auf den Leinwänden Hollywoods glattgestrichen, da auf dem Zelluloid keine Zellulitis vorkommen darf, die Falten werden mit Botox weggespritzt. Der Mensch als Gleitmittel. Alles soll reibungslos funktionieren, doch was wäre eine Haut ganz ohne Widerstand? Man könnte sie nicht einmal mehr streicheln...
Dabei liegt das Glück wie das Leben in den Falten: Mit der ersten Zellteilung beginnt ein Abenteuer der ständigen Entfaltung, des Aufblühens, bis man sich wieder einfaltet und mit dem Tod in jenem Abgrund zwischen den Falten versinkt, aus denen man entsprungen ist. In diesem Sinn leben wir: im „Zwiefalt“ und Zweifel.
Es gibt nie einfache Lösungen und endgültige Wahrheiten. Mit dem Prinzip der Falte als Denkfigur wird der abendländische Glaube an den Menschen als allmächtigem Subjekt, das sich die Natur untertan machen darf, in Zweifel gezogen, denn er ist mit allen Objekten verfaltet und verfädelt. 

Das Kind im Faltenwurf

Schon der barocke Philosoph Leibniz entdeckte vor über 300 Jahren: Makrokosmos und Mikrokosmos sind wie die russischen Babuschka-Puppen unendlich tief ineinander verfaltet. Wenn man aus einem Teich mit Fischen einen Wassertropfen holt und unter das Mikroskop legt, entdeckt man in diesem Tropfen einen weiteren Weiher, in dem sich Fische tummeln, in deren Schuppen wiederum ein weiterer Weiher aufglänzt, der voller Fische ist ...
Der französische Denker Gilles Deleuze hat in seinem Buch „Die Falte“ die sinnliche Lust an diesem vielfältigen Phänomen philosophisch erkundet. Das Buch wurde nicht nur in Philosophenzirkeln ein Renner, sondern auch ein Dauerbrenner in der Modeszene. Man denke nur an die Abendroben von Mario Fortuny oder Issey Myakes  Knitterkleider „Pleats Please“.
Mit dem Prinzip der Falte erschüttert Deleuze unseren Glauben an die Einheit des Subjekts und die Eindeutigkeit der Vernunft. Die Falte ist nämlich nie Eines, sondern immer schon in zwei Teile gefaltet: Ein Zwiespalt. Ein Rätsel, das sich nicht durch eine einzige und eindeutige Wahrheit lösen lässt. Und auch der Mensch, dieses Rätseltier, lebt im Zwiefalt. 
Wenn er Glück hat trifft er seine andere Hälfte – und verfaltet sich mit ihr. Falls darauf eine neue Faltung (also: ein Kind) entsteht, kann man nur hoffen, dass dieser neue Mensch, vom Zufall beglückt, seine „zweiundzwanzig Falten“ im Lauf seines Lebens entfalten kann – wie ein perfekt geschnittenes Kleid mit seinem Faltenwurf.

Stefan Zweifel

 

Gilles Deleuze: Die Falte, Suhrkamp Verlag