Home Philosophy 11

Simon Trüb

Illustration: Simon Trüb

 

In jedem Haus, hinter jedem Fenster wohnen Wünsche. Wenn es Winter ist und die Nächte dunkeln sind, dann leuchten diese Wünsche besonders hell. Man ertappt sich bei Spaziergängen, wie man durch die Fenster in die Wohnungen schaut und sich vorstellt, wer darin lebt, wie man darin lebt, was man darin fühlt – und ob man selbst hinter dieses Fensterchen passen würde. Möchte ich dort leben?

Meistens dreht man sich zum nächsten Fenster und träumt weiter. Wie beim Adventskalender lockt immer schon das nächste Fensterchen: Hinter ihm wird sich unser Wunsch erfüllen – spätestens hinter dem grössten Türchen am 24. Dezember, wo im heimeligen Stall die heilige Familie wohnt...

Hmmmhhh. Denkt man sich und stapft durch den schweren Schnee. Möchte man das wirklich: In einer heiligen Familie leben, in der alles heimelig ist? Möchte man wirklich wunschlos glücklich sein? Treibt uns nicht eine ewige Unruhe hinaus – auf die endlose Suche? Vielleicht scheint das erleuchtete Fenster von draussen so verlockend, weil es Licht und Wärme verspricht. Andererseits sitzt man dann zwischen vier Wänden eingesperrt, während es hier draussen keine Wände gibt, sondern nur Schnee und Flocken: Den Tanz des Zufalls.

So geht man hin- und hergerissen durch die winterlichen Strassen – bis man durch das eigene Türchen in die eigene Wohnung schlüpft. Was für eine Überraschung wartet da? Sicher keine perfekte Wohnung. Sondern ein offenes Puzzle: Mal stört uns ein alter Stuhl in der Ecke, dann eine Staubmaus unter dem Sofa. Ah ja, fehlt uns nicht noch ein Handstaubsauger? Und weshalb flackert die Lampe schon wieder?

So schrauben wir eine neue Birne rein und an der Wohnung herum, vervollständigen das Puzzle jeden Tag mit einem neuen Teil und wissen: Es wird ja doch nie fertig. Egal ob die Wohnung gross ist oder klein, 500 oder 5000 Teilchen hat. Es gibt immer etwas, was man verbessern könnte – und wenn man es verbessert hat, sucht man schon nach dem nächsten Ziel, nach einem neuen Wunsch, der uns weiter durchs Leben treibt.

Andererseits kennt man – gerade an Weihnachten – das schöne Gefühl, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht. Besonders, wenn man ihn gar nicht wirklich kannte. Wenn man ein Geschenk bekommt, an das man nie gedacht hätte. Dann fühlt man ein Stocken im Herzen, spürt die Freude, die uns tief trifft. Man fühlt sich vom anderen erkannt. Das ist das Geheimnis des gelungenen Geschenkes. Man fühlt sich in ihm geborgen und daheim.

Doch wunschlos glücklich – nein, das möchte man eigentlich nie sein. Denn nur die ewige Unruhe treibt uns wieder hinaus ins Leben, hinaus auf die verschneiten Strassen, wo wir vor vom Glück und den Wünschen hinter den erleuchteten Fenstern träumen – genauso wie man sich auf den nächsten Adventskalender freut, weil man letztlich weiss, dass er genauso viele Wünsche befriedigt, wie er neue Wünsche hervorkitzelt. 

Wir leben zwar in sogenannten Immobilien, aber wir leben davon, dass jeder von uns ein „perpetuum“ mobile ist und nie zur Ruhe kommt. Der Mensch ist eben ein wünschendes Tier.

Stefan Zweifel