Food Philosophy 2

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Das Aroma der Erinnerung

Doch wenn von lang Vergangenem, nach dem Ableben der geliebten Wesen, nach der Zernichtung aller Dinge, nichts mehr Bestand hat, bleiben noch lange Zeit, zerbrechlich zwar, aber lebhafter, weit körperloser, beständiger, treuer auch, der Geruch und Geschmack übrig, erinnern sich, Seelen gleich, harrend und hoffend über den verbleibenden Ruinen, und tragen, über einem fast unfasslichen Tröpfchen Tee, ohne einzubrechen, das gewaltige Gebäude der Erinnerung.

Marcel Proust, «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit»

 

Als Marcel Proust auf seiner romanhaften «Suche nach der verlorenen Zeit» ein Gebäck namens Madeleine in Lindenblüten-Tee tunkte, stieg vor seinen Augen plötzlich das Panorama seiner Kindheit auf. Proust meinte: Im Aroma ist die Erinnerung eingeschlossen. Und wenn wir einem Aroma begegnen, das uns an früher erinnert, weitet sich der Blick zu einem: «Panaroma».

Natürlich kenne auch ich Gerichte, die mich an erste Ferien, an TV-Abende mit meinem Vater, der die Fotzelschnitte anbraten liess, oder an den Sugo meiner Oma zu den selbstgemachten Ravioli an Weihnachten erinnern – doch als Literaturkritiker, der, wie man so sagt, Bücher verschlingt, sind meine Erinnerungen in Sprache gespeichert.

Und ich spreche nicht von Buchstabensuppe. Nein, meine intensivsten kulinarischen Erinnerungen schlummern in den Rezepten und Texten eines Kochbuchs:

Und da liegt es ja, direkt vor mir: Das «Fülscher»- Kochbuch, und zwar das Exemplar meiner Kindheit, blass und blau liegt es da, die Aufage von 1966, gekauft also, als ich selbst gerade im Bauch meiner Mutter gebacken wurde, die 8. Aufage, der Einband gesprenkelt mit Flecken, an der Seite verklebt von süssen Spuren voll Erinnerungen.

Schon wenn ich es in die Hand nehme, macht sich ein Kribbeln breit – die Ahnung, wie ich als Kind zum ersten und einzigen Mal, eine Schoggimousse im Wasserbad schaumig schlug und jenen Jubel, jenes Lecken, das Eintauchen im Weichen allen anderen Kindern schenken wollte, zu meinem Geburtstag – statt des üblichen Kuchens, den man in die Schule bringt. Ich suche fiebrig nach dem Rezept. Beim Blättern stosse ich auf alte Knoblauchschalen, dann auf Flecken bei «Zimtringe» und dann endlich: Rezept Nr. 1251, «Schokolade-Rahm- crème» – daneben klein gedruckt, aber mit Bleistift umkringelt, der Verweis auf «Mousse au chocolat – Feine Schokoladencrème» und ein eingeklebter Zettel, von meiner Kinderhand beschrieben mit Schreibfehlern und wunderlichen Wiederholungen:

«400 g Cailer Milch (Hellblau)
400 g Cailer Crémant (dunkel bitter)
8 Eigelb 8 Eiweiss (8 Eier)
6 dl Rahm (Migros Crème Gruyère)
Zuerst: Schocki raffeln (mit Raffel).»

Wenn ich das Rezept lese, kommt mir wieder die Schale in den Sinn, die ich ins Wasserbad getaucht habe, der weisse Marmortisch in der Küche meiner Mutter, das Klassenzimmer mit all den Kindern, erstaunt, dass ich statt einen Kuchen eine schaumige Mousse mit Schälchen und Löffeln brachte – und schon wird beim Lesen die Zeit aufgehoben und ich finde durch das Lallall meiner wunderlichen Wiederholungen der 8 Eier und Eigelbe zurück in jenen Moment, als würde er ewig dauern – wie jenes Symbol, wenn man die 8 um ihre eigene Achse dreht: ∞

Ob im Aroma der Madeleine oder im Text des Rezepts – die Erinnerung an die Kindheit lebt in der Mundhöhle und wartet, bis sie von einem Leckerbissen oder einem Wunderwort wachgeküsst wird.

 

Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb