Food Philosophy 4
EGO-Diät
Als Catharina de Medici 1533 in Paris den französischen Thronprinzen Henri II heiratete, kam es vor allem auch zu einer kulinarischen Mariage: Die deftig-bäuerliche Küche der Franzosen wurde von der Tochter aus dem Bankier-Geschlecht der Medici mit italienischem Feinsinn geadelt. So begann die Revolution unserer Küche und der Siegeszug des «Foodys» in der Moderne.
Als die italienische Feinschmeckerin nach Versailles zog, führte sie in ihrem Schlepprock nämlich einen ganzen gastronomischen Hofstaat mit. Neben zwei Sommeliers schrieb namentlich ihr Zuckerbäcker und Eismacher Ruggeri Geschichte. Bei ihrer Hochzeit wurde in Frankreich zum ersten Mal Gefrorenes serviert: Die Eis-Bombe als Ego-Booster!
So also definierte Catharina von Medici ihr Ego und ihre heimatliche Kultur hauptsächlich über das Essen. Heute nun scheint jeder von uns eine kleine Catharina de Medici zu sein: Wie noch nie in der Geschichte der Menschheit definierten sich – zumindest in der Wohlstandssphäre unseres Planeten – alle über das Essen. Du bist was du isst: Vegetarier oder Flexitarier, Carnivor oder Veganer und wie die Spielarten alle heissen. Jeder Biss ein politisches Statement. Und das eigene Ego steht stets im Food-Fokus von Öko.
Wie sehr sich die Umrisse meines eigenen Ichs über das Essen definieren, habe ich eher aus Zufall am eigenen Leib erlebt. Lange schon wollte ich herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn man sich aus lauter Langeweile eine Diät zulegt. Worin, so fragte ich mich, besteht eigentlich der Lustgewinn, wenn man mitten in einem Jahrhundert-Sommer in einer Schlange mit schwitzenden Menschen vor dem Kiosk einer Badi steht und einen Cappuccino mit Sojamilch bestellt, während die Menschen hinter einem in der Sonne kochen? Und wie kann man, um Himmelshitzewillen dann noch einen Extrawunsch obendrauf legen und – weil Soja nicht so leicht schön schäumt – eine Schaumkrone aus «normaler Milch» verlangen? Ist unser Gewissen nur noch Schaum?
Vielleicht sollte ich mir, so dachte ich im Schweissemeines Geistes, auch eine Art ADfS aneignen – also ein Aufmerksamkeits-Defizit-food-Syndrom. Und da stand ich schon am Büffet eines Hotels, ganz hinten beim Magerquark: Zu einer Art frisch gekröntem magersüchtigen Blondino mutiert, schöpfte ich beinhart nur Ananas zum Quark und schritt mit grimmiger Entschlossenheit am Schinken und Käse vorbei, um hinter den Butter-Gipfeli ein dürres Roggenbrot heraus zu angeln. Plötzlich hatte jeder Biss und Blick, ja mein Leben wieder einen Sinn: Ich musste schliesslich meinen Cholesterinspiegel senken! Er war mit 7,85 astronomisch hoch. Da stellte ich überrascht fest: Mein Ich, dessen Umrisse zuvor ins Ungefähre zerflossen, erhielt wieder klare Konturen. Jeder Verzicht härtete die Grenzen meines Ichs. Die Diät wurde zum EGO-Booster.
Wenig später beugte mich in Montreal über eine lokale Spezialität: Ein Carpaccio von Seehunden, die nur von Inuit gejagt werden dürfen. Das Fleisch, so hoffte ich, würde den Cholesterinspiegel weiter senken. Dazu ein lokales Kraut, Ahornspitzen, die man zweimal dämpfen muss, damit sie nicht giftig sind, und ein gräuliches Bier aus einer der 130 Mikrobrauereien von Montreal. Ich suchte bei einem Naturwein mit einem Hipster-Bart als Etikette Zuflucht. Schwindelnd vom säuerlichen Gebräu, schwebte mir schon bald ein nackter Popo vor Augen, auf dem die Etikette als Tattoo prangte. Was soll eigentlich, so fragte ich mich, diese Glorifizierung der Terroir-Küche?
Vom Alkohol beduselt, schweifte mein Geist in die philosophischen Weiten des politischen Denkens. Es ein wunderliches Paradox: Seit im Konsumrausch nach 1968 alle Tabus und Grenzen gefallen sind und man im Leben und Bett alles machen darf, schiessen wunderliche Sekten, Diäten und moralische Wohlfühl-Exzesse ins Kraut, die neue Grenzen setzen.
Dabei entdeckte man das Bio-Kapital des eigenen Körpers. All meine Freunde begannen mit 50 wie wild zu radeln, pumpten ihr Ich im Fitness-Studio auf oder dehnten ihre Seele im Yoga. Man optimiert sich wie eine Firma vor dem Börsengang. Unsere Selbstwert, unser «mood» wird vom Food bestimmt. Keiner zu klein, ein Foody zu sein.
Diese Food-Fixierung auf die orale Lust ist vielleicht das offensichtlichste Zeichen für die Regression unserer Gesellschaft ins Früh-Kindliche Gebrabbel und Gekrabbel auf dem «Fudi». Den «Nuggi» nennt man nun «Foody». Dabei verabsolutiert man die eigenen Vorlieben zum neuen Standard wie am absolutistischen Hof in Frankreich unter Catharina de Medici.
So wie ich am Büffet: Dort feierte ich mein asketisches Ich-Ideal und der neue Cholesterin-Wert von 4,8 gab mir Recht. Ich hatte mein Ich neu erfunden – und wenn ich seither in den Spiegel schaue, merke ich: Ich habe mich bereits verwandelt in eine Catharina de Medici der Moderne.
Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb