Food Philosophy 8

Food Philosophy Illustration

DIE WELT ESSEN – SICH SELBST ESSEN 

 

Jetzt noch einmal vor dem Winter weg und erleben, was das heisst: Reisen! Reisen heisst nicht nur eine Landschaft erleben, sondern eben auch: eine Landschaft essen. Die Melone, in die man sich hineinwühlt, wird zum Kissen, die Mortadella zum Liegetuch, auf dem man sich mitten unter Olivenbäumen von den Sonnenstrahlen abnagen lässt, bis man nur noch ein Olivenstein ist, um sich dann so viele sonnenwarme Feigen in den Mund und in die Hosentaschen zu stopfen, bis man tropfend vor Süsse selbst zur Feige wird wie einst der Philosoph Walter Benjamin auf einem Spaziergang in Italien. 

Aber der Herbst ist auch die Zeit, wo man hier bei uns die Landschaft essen kann wie in kaum einer Jahreszeit: Die Bäume schiessen ihre Farben als Feuerwerk nochmals in den stahlblauen Himmel, die Blätter torkeln durch die Luft als hätten sie sich am schäumenden Sauser berauscht. Alles gärt und fault. Die Luft liegt duftschwer unter den Dünsten des Nebels und dampft in unsere Nasen. Dazu passt die kulinarische Mode der Fermentation.

Im Herbst wandern die Wälder zu uns ins Haus, die Pilze lüften ihre Hüte und weisen uns den Weg zum Wild. Doch nicht nur der mürbe Biss vomWild auf dem Teller, schon die Jagd ist eine Lust. Das Verschweigen die Jäger:innen gern. Denn dass im Töten eine verstörende Lust schlummert, das hat der Psychoanalytiker Paul Parin einst in einem Buch über das Jagen verraten. Parin lehrte mich damals das Fischen. Zunächst sagte ich mir:Wenn man Fleisch und Fisch isst, sollte man ein Tier auch töten können. 

Doch hinter dieser rationalen Erklärung lockt etwas Irrationales: Die Ekstase. Man verschmilztbeim Fischen und später vor dem Teller mit der Natur, wie wenn man sich mit Zähnen und Zunge in eine Melone hineinwühlt oder zur Feige wird, die vor Süsse und Lust platzt. Und man merkt:Man isst die Landschaft nicht nur, man wird von ihr auch gegessen, aufgesogen. 

Wie sich das anfühlt? Etwa so:

Der Regen lässt die Flüsse schwellen. Das fühle ich mitten in der Nacht in meinem Bett. Ich steige frühmorgens in den Zug, mit Fischerstiefeln, und fahre ins Toggenburg. Mit einem Taxi hoch in die Hügel. Schon gleite ich durch einen geheimen Einstieg ins Tobel des «Steinenbach». Seltsamer Name: Werden hier die harten Steine zum fliessenden Bach?

Da, der Schatten der Forellen zischt durch das Wasser. Die Fliege an der Angelrute fliegt. Dortsteigt ein Fisch wie mein eigener Wunsch und lässt die Rute zucken. Entwischt. Ich haste weiter. Durch dunkles Grün. Hier sieht man nichts mehr vom Tal mit seinen Hochhäusern in Wattwil. Dafür peitschen mich die Bäume mit ihren Zweigen. Ein Strudel lockt mich, um in ihm meinen Köder zu versenken. Immer mehr spült das Wasser des Steinenbach die Erinnerung an die Rinnsteine der Stadt weg. 

Jede Stromschwelle wird zur bewusstseinserweiternden Strassenschwelle. Rauscht der Verkehr? Trinke ich das Wasser der Stadt? Die Angel zuckt, eine Forelle zeigt ihr Fell, es gleisst wie ein Zebrastreifen im Vollmondschein. Ich weiss nicht mehr, wo ich bin. Brutzelt die Pfanne an der Strehlgasse? Nein, es ist das Rauschen eines Wasserfalls. Unter moosgrünen Steinen flirren Forellen. Ein Wasserfall der Wünsche. Führen die Steine als Stufen in eine Bar an der Langstrasse, in die «Zuki» sogar? 

Wo bin ich? Was bin ich? Ist die Stadt ein Fluss der Triebe und Wünsche geworden? Schwimme ich als Forelle unter einen Stein, wo ich bis zur nächsten Saison sicher bin? Sicher vor mir selbst?Oder esse ich mich gerade selbst?

Später erinnere ich mich vor dem Teller mit der Forelle nur noch vage an dieses Labyrinth der Lust. Aber ich kann seither auch im besten Lokal keine Forelle mehr bestellen, da sie nie mehr so schmeckt wie mein erster Fang. 

So, so etwa fühlt es sich an, wenn man im Herbst zum letzten Mal in den Fluss steigt und selbst zu einem Mosaikstein der Landschaft wird, auf einer Reise ins eigene Innere…

Man kann Landschaften durchstreifen und Landschaften essen. Das ist der Sinn der Reise nach aussen und der Reise nach innen. Beides lockt jetzt im Herbst zu einem letzten Fest vor der Ruhe des Winters. Und in jener Ruhe kann man dann über dieses seltsame Phänomen nachdenken, wie man mit der Landschaft sich selbst isst.

 

Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb