Food Philosophy 9
«ZUFÄLLIGE REZEPTE AUS DEM FREUNDESKREIS»
Das Making-of zum neuen Kochbuch von Sophie Meier
In vielen Küchen stapeln sich die Kochbücher turmhoch zu einer Art «Über-Ich», dessen Befehlen man sich unterwerfen muss: Und schon misst man mit dem Messbecher 125 Gramm Mehl oder eine Unze (was ist denn das in unserer Masseinheit?) Milch ab, verschmiert zunächst die eigene Hose, dann das Buch – und irgendwann heult man, weil man einfach nur überfordert ist.
Da wirkte das erste Kochbuch «Familiengeschichten und Geheimrezepte» von Sophie Meier wie eine Entlastung: Das «Es» – um bei Sigmund Freuds Jargon von «Ich», «Es» und «Über-Ich» zu bleiben – durfte sich im Spieltrieb frei entfalten, jedenfalls kommt man bei «Bürli mit Butter und Salz» genauso wenig in Stress wie bei «Ravioli von Patrizia Fontana» – und dazwischen kann man beim Lesen der Familiengeschichten ein bisschen den eigenen heimlichen Voyeurismus befriedigen.
In ihrem neuen Kochbuch weitet sich die Familie zum Freundeskreis. Sophie schreibt im Vorwort: «Mein erstes Kochbuch ist wie ein erster Stein, den ich ins Wasser warf. Jetzt breiten sich die Wellen aus und neben meinen Eltern und Geschwistern tauchen all die FreundInnen auf, die mich durch mein Leben begleiten. Der Raum weitet sich und die Zeit vertieft sich: Von ersten Kinderessen über Teenie-Schwärmereien nach Los Angeles und zurück nach Zürich schälen sich die Schichten meines Ichs wie bei einer Zwiebel.»
Die Rezepte sind weniger ein kategorischer Imperativ als ein Porträt der Freund:innen, die in Interviews viel Persönliches preisgeben. Was kochten sie beim ersten Date? «Metzgete, inkl. Zunge und Gehirn.» Wer diese Antwort gab sei nicht verraten, man findet die Lösung auf Seite 81.
Die meisten Kochbücher schwanken zwischen Bibel und Grammatik: Blättert man im Index der dicken Wälzer ist es oft so, als müsste man eine neue Sprache mit Konjugationstabellen lernen… Die Hauptspeise, sagen wir mal das Entrecôte, liegt fest. Doch welche Nebensätze schliessen sich als Beilagen an: Gratin, Pappardelle, Pommes allumettes? Und welche Adjektive gesellen sich in Form von Saucen dazu: Béarnaise, Hollandaise, Chimichurrri? Und dann das Verb: Kross anbraten, niedergaren, ins Wasserbad stellen? … und wehe das Verb wird falsch konjugiert und statt im Singular ertränkt es das Gericht im Plural.
Sophies Buch liefert nun nicht eine weitere Grammatik des korrekten Kochens, sondern eine Art «Fragmente einer Sprache der Freundschaft»: Von Oskar Weiss` Rahmspinat (aus dem Coop, wie er vermerkt, und nicht aus der Migros) mit Rüeblisalat und Signature-Dressing bis zur Blanquette de veau von Katja Früh, die mit Sophie das erste Kochbuch verfasste.
Timo Oberegger prüfte die Rezepte und kochte sich durch alles durch: Meist lobte er (Simon und Anja Sols Spaghetti mit Mönchsbart sind «eines meiner Lieblingsrezepte soweit - einfach und richtig gut.»), manchmal staunte er wie bei Oskar Weiss. Was soll ich sagen, ist nicht die Herangehensweise eines Koches, aber es funktioniert und ist durchaus lecker.») und zuweilen stöhnte er auch mitten im August: «Es ist halt ein sehr schweres Gericht und war für mich einfach zuviel für die warmen Tage, die hinter uns liegen. Ich konnte gerade mal ein kleines Stück geniessen und dann wäre ich schon fast geplatzt.» Das Rezept fand dann nicht den Weg ins Buch…
Pierre Lumineau und ich stöhnten bei der Textarbeit nicht, sondern lachten oft bei den Interviews – und manchmal waren wir auch berührt, so bei Ari, die aus Sri Lanka stammt und als Kindermädchen alle Geschwister von Sophie bekochte und beglückte, wobei ihre Tochter Carmen und Sophie sich bis heute durchs Leben begleiten: Auf die Frage Was haben Sie sich als Kind am Geburtstag zum Essen gewünscht? antwortete Ari: «Als ich klein war, wurde der Geburtstag nicht gefeiert. Daher gab es keine Feier, keinen Kuchen, keine Geschenke.» Und umso befreiender war unser Lachen als wir auf die Frage Hören Sie beim Kochen gern Musik und wenn ja, welche? ihre lakonische Antwort lasen: «Ja, sehr gerne. Deutsche Volksmusik oder singhalesische Musik.»
Und am meisten lachte ich bei der Arbeit am Vorwort mit Sophie, da tauchte ich in ihr altes Leben ein, lernte Freund:innen zwischen hier und LA kennen, auch ihre Zeit als Kind und Teenie – ihre Erzählungen wirkten wie eine surrealistischew «écriture automatique», die dann fürs Buch in eine korrekte Grammatik übersetzt wurde, so etwa bei Chrigi Neuenschwander als Teenie-Schwarm oder bei Zori als erste Freundin:
«Mit Zori ging ich schon in die Kinderkrippe, Neustadtgasse Altstadt; dann ein Fest in Krippe und irgendwie fragte ich sie, ob sie mit mir auf ein «Gumpi» kommt, ein Trampolin, sie war eben in Akrobatik und mega beweglich und in meiner Erinnerung mega herzig, hübsch: das perfekte Mädchen! Bei ihnen gab es immer – bei uns nie und nicht – Brätkügeli mit Kartoffelstock und Béchamelsauce oder so, jedenfalls weiss ohne Pilze, die Zori nicht gern hatte, genauso wenig wie Schokolade oder weisses CHRMMMHPFFT, das fand ich schon damals recht kurios.»
Kurios sind all die Zufälle in diesem Buch, die Lebenslinien, die sich kreuzen wie die Rigatoni auf dem Cover mit ihrem Covidschatten, doch das Buch entstand nicht aus Zufall, sondern aus einem echten Bedürfnis: In der erzwungenen Abwesenheit der Pandemie die Freund:innen zwar nicht am eigenen Tisch zu haben, aber wenigstens mit ihren liebsten Rezepten reden zu können. In diesem Sinn ist es mit dank der Fotos von Sophie ein Buch für die «Sehsucht», immer aber auch für die «Sehnsucht».
Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb