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Illustration Simon Trüb
Das Geheimnis des Zusammenlebens: „Idiorhythmie“
„Wie zusammen leben?“ Diese Frage stellte sich uns allen im letzten Jahr unter dem raschen Wechsel der Regeln unseres Alltags. Wie lebt man zusammen, wie lebt man aneinander vorbei? Wie baut man die neuen Erfahrungen in den Tages- und Nachtrhythmus ein, wenn sie nicht mehr von oben verordnet sind? Wie baut man den eigenen Rhythmus in das Konzert des künftigen Beisammenseins ein.
Genau diese Fragen stellte sich der französische Denker Roland Barthes 1976 in seiner vorletzten Vorlesung unter dem Titel „Comment vivre ensemble“? Noch lebte er selbst mit seiner Mutter in einer Wohnung in der Nähe der Place St-Sulpice in Paris. Ahnte er schon, dass seine Mutter bald sterben und die Zeit der eigentümlichen Symbiose mit ihr vorbei sein würde? Dass sie ihn nicht mehr durch eine Falltür im Zimmerboden mit einem Korb voll Post, Bücher und Essen versorgen würde?
Wie zusammenleben in einer anderen, neuen Gemeinschaft? Wie könnte er seinen eigenen Lebens-Rhythmus, seinen „Idiorhythmus“, gegen die Zwänge der Gemeinschaft verteidigen? Er erinnert sich an das Kloster auf dem Athos-Berg in Griechenland, an dessen Abhängen durchaus exzentrische Eremiten hausen, die sich nur gelegentlich treffen – so wäre das ideale Zusammenleben, dachte Barthes, in einer Gruppe zwischen drei und acht Leuten denkbar, die je und je im „Idiorhythmus“ ihrer eigenen Lust durch den Tag wandeln, wobei sich die Schwingungen ihrer Rhythmen im Idealfall zu einer Harmonie ergänzen würden.
„Comment vivre ensemble“ setzt dort an, wo Barthes grandioses Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ aufhörte. Ihm war im realen Leben „die Bande“ seiner FreundInnen zwar lieb, aber auch zuwider. Er geht jeder Ansammlung aus dem Weg, trifft die Freunde lieber nacheinander zu zweit als miteinander „zuvielt“. Denn in der Gruppe herrscht letztlich doch immer eine gewisse Gleichgültigkeit, eine In-Differenz; nur zu zweit kann das Spiel der Differenzen zugelassen werden.
„Ich möchte gemäss der Nuance leben“. So etwa im „Teeismus“ des Taoismus, wenn der Tee simmert und sich die Blasen als Fischaugen in einem Bach zeigen, der nach und nach wieder zur sprudelnden Quelle, zur Selbstgeburt wird.
Im Echoraum romanhafter Fragmente lässt Barthes in seiner Vorlesung den Blick von der Terrasse des Klosters Athos über das Meer schweifen, in dessen Tiefe Bänke von weiblichen und männlichen Fischen übereinander schweben, um sich zu befruchten; vor dem Fenster ein Blumenstrauss, den man vom Bett aus in fiebriger Müdigkeit als ewiges Versprechen eines utopischen Glücks betrachtet und dabei wie Prousts Romanfigur Marcel auf den erlösenden Kuss der eigenen Mutter wartet. Nach ihrem Tod 1977 wird für Barthes diese Utopie des Zusammenlebens zu einem „Atopos“ – „ortlos“, nur im Imaginären erahnbar. Dabei gab es in der Populärkultur bereits ein Vorbild dafür, wie man in einer Gemeinschaft die „Idiorhythmen“ zur Entfaltung bringen kann: Barbapapa und sein utopisches Haus.
Im Barbapapamamahaus
An diesen utopischen Ort einer Gegenwelt erinnert jenes Haus, das Barbapapa mit seiner Familie draussen vor der Stadt baut, nachdem sie aus einer alten Villa vertrieben worden waren, die abgebrochen wurde, um Betonklötzen mit Wohnzellen zu weichen. Zunächst drängt sich die Barbapapa-Familie noch in eine solche Wohnung, doch dann flieht sie aus der Stadt auf einen Hügel. Den Ansturm von Baggern und Abbruch-Birnen wehren sie mit Bomben aus süss-klebriger Marmelade ab und bauen sich ihr Traumhaus: Rund an rund fügen sich die Räume.
Barbapapa und Barbamama liegen im Bett und lassen sich von Barbabella ein Getränk servieren, aus den flötenförmigen Kaminen von Barbalalas Raum dringen musikalische Noten, während Barbawum unter schweren Hanteln schwitzt und Barbakus die Wände seines Zimmers mit Rechentafeln überzieht als wäre es die zweite Etage des barocken Hauses, wie es Gilles Deleuze in seiner Studie „Die Falte“ über den Barock beschrieb. Ja, letztlich ist dieses Haus barock: Jedes Individuum kann sich frei entfalten. Mittendrin das Studio von Barbabo – so fühlt sich der wuschlige Maler wohl: Ohne Zwang kann er sich im Familiären entfalten, da ihn der Druck des Kapitals nicht im Würgegriff hat.
Das Bild dieses Hauses bestimmt bis in meine Träume hinein meine Vorstellung eines Traumhauses. In einem Zimmer würde meine tote Grossmutter von Hand ihre Ravioli formen, der Dampf der Sauce würde in ein Zimmer wandern, wo mein Freund Plinio für seine Kinder auf dem Klavier die Goldbergvariationen von Bach spielt, während ein anderer Freund schon die Figuren auf dem Schachbrett ordnet, die wir zum Klang des Ping-Pong-Balls ziehen, das von den Kindern im Garten durch die Luft klickert.
Und wenn uns die Ordnungsmächte aus unserem Haus vertreiben würden, weil es von Spekulanten abgerissen werden soll, dann würden wir alle wie die beiden Freunde Serafin und Plum aus einem anderen Kinderbuch – „Serafin und seine Wundermaschine“ von Philippe Fix – in den Dachstock flüchten und drei Treppen in den Himmel bauen. Die unterste würden wir wieder oben anfügen und so freischwebend in den Himmel ausweichen. In einem harmonischen „Idiorhythmus“, der sich beim Bau dieser himmelstürmenden Treppe so sanft liebend überlagern würde wie in Barthes Leben mit seiner Mutter.
Und genau diesen eigenen Rhythmus werden wir alle in den nächsten Wochen und Monaten auf denjenigen unserer Liebsten abstimmen, um den Himmel der Freiheit zu geniessen, in dem Blau mit Blau verschwimmt, im blauen Bau unserer Wünsche, die wir uns nicht mehr nehmen lassen.
Stefan Zweifel
Roland Barthes: «Wie zusammen leben – Vorlesung am Collège de France 1976-1977», Suhrkamp Verlag